Unabhängiges katholisches Nachrichtenportal

Weniger Arbeitslose – nicht mehr in diesem Wirtschaftssystem (10.09.2009)

(HIER als PDF zum Download)

Es sind die gleichen Rahmenbedingungen, die sowohl die Finanzkrise herbeigeführt haben und zugleich die ständig für den Abbau von Arbeitsplätzen sorgen. Die von der Politik versprochenen Gesetze und finanziellen Maßnahmen lösen das Problem nicht. Es muss der Faktor „Qualifikation der Mitarbeiter“ in die Bewertung der Unternehmen eingeführt werden. Mehr als die monetäre Bilanz sagt die Wissensbilanz etwas über die Wachstumschancen und das Überleben eines Unternehmens aus.

Die Finanzkrise gilt als überstanden noch bevor sie sich zu einer handfesten Wirtschaftskrise ausweiten konnte. Dies ist der allgemeine Konsens zwischen Wirtschaft und Politik. Ob es der Realität entspricht oder eher in die Kategorie Wunschdenken gehört wird sich nach der Wahl zeigen. Doch die Finanzkrise hat etwas offenbart, was über die reine Fehlinvestition von Banken deutlich hinaus geht. Nahezu alle börsennotierten Unternehmen fallen eher durch eine kurzfristige Ausrichtung als durch Umsetzung einer Strategie auf, weil der Kapitalmarkt eine sehr hohe Schlagzahl vorgibt. Dieser auf Kurzfristigkeit ausgelegte Erfolgsdruck war wesentlich für die Krise verantwortlich. Bisher nahm die Rettung von systemrelevanten Banken die ganze Aufmerksamkeit der Bundesregierung in Anspruch, um nachhaltig aus der Krise herauszukommen bedarf es aber deutlich mehr als Milliardenbürgschaften für das Bankwesen. Im Folgenden wird gezeigt, dass die bisher übliche Bewertung von Unternehmen nur noch mehr in die Sackgasse führt und den notwendigen Umstieg in die Wissensgesellschaft herauszögert.

Ein überwiegend am Unternehmensgewinn ausgerichtetes Wirtschaftsmodell mit einer hohen Kapitalmarktausrichtung erzeugt Arbeitslosigkeit

Wenn der Sharehodler-Value überwiegend an den Quartalsgewinnen festgemacht wird, dann geht in die Beurteilung der Ratingagenturen weder das Wissenskapital noch das Humankapital eines Unternehmens ein. In der kapitalistischen Marktwirtschaft zählt allein der Gewinn. Je besser die Quartalszahlen, desto besser das Rating, desto höher der Aktienkurs, desto mehr Käufer, desto schneller eine Überbewertung des Unternehmens an der Börse.

Selbstverständlich müssen Unternehmen Gewinne erwirtschaften, doch durch ist seit längerem ein Trend auszumachen, dass der Kapitalmarkt in immer kürzeren Zeiträumen eine immer höhere Rendite erwartet. Fehlentwicklungen wie die Arcandor AG- Insolvenz hängen ursächlich mit der Orientierung an Quartalszahlen zusammen. Der Verkauf der eigenen Warenhausimmobilien, als „sale and lease back“ Modell erhöhte im Jahr des Verkaufs den Unternehmensgewinn, was sich natürlich positiv auf den Aktienkurs auswirkte. Mittelfristig war dies einer der Gründe für die Insolvenz. In der Krise hatte das Unternehmen weiterhin hohe Mietzahlungen zu leisten, die nicht mehr durch Einnahmen gedeckt waren. Hauptursache war, dass der Vorstand diesen schnellen Weg der Ergebnisaufbesserung einer rechtzeitigen und ernsthaften Sanierung vorgezogen hat.

Ein weiteres Beispiel ist die Höchst AG: Um den Unternehmensgewinn zu steigern, wurden alle Sparten verkauft, die nicht Pharma oder Pflanzenschutz und Düngemittel beinhalteten. Nach einiger Zeit wurde auch der Agrarbereich verkauft, weil nur die Pharmasparte entsprechend hohe Gewinne versprach. Inzwischen ist die Höchst AG völlig im französischen Konzern Sanofi-Aventis aufgegangen, weil das Unternehmen Forschungsvorhaben gekürzt hat, um die Gewinnerwartungen der Börse zu erfüllen. Die Ratingagenturen hatten nicht nachgesehen, welche Präparate entwickelt wurden und ob das Unternehmen überhaupt genug Geld in die Forschung investiert hat.

1. Investitionen in Maschinen werden steuerlich belohnt, die in Mitarbeiter nicht

Wenn ein Unternehmen eine neue Maschinenhalle baut, erhöht das den Unternehmenswert, abhängig von den Jahren, in denen die Investition abgeschrieben werden kann. Investiert das Unternehmen in die Qualifikation der Mitarbeiter, wird es nicht durch entsprechend günstige Bankzinsen belohnt noch spiegelt sich das positiv in der Bilanz.

2. Mitarbeiter zu entlassen ist der einfachste Weg, den Shareholder-Value zu erhöhen

Wenn ein Unternehmen zu wenig Gewinn abwirft, holt man MacKinsey ins Haus. Diese stellen in großer Regelmäßigkeit fest, dass die Lohnkosten verringert, d.h. Mitarbeiter entlassen werden müssen. Weil das immer und immer wieder als Rezept verkauft wird, scheint es eine Art Naturgesetz zu sein, dass Mitarbeiter entlassen werden müssen.

Beispiel Opel: Wie auch immer Opel neu strukturiert werden soll, auf jeden Fall herrscht Konsens, dass das Unternehmen 10.000 Mitarbeiter entlassen muss. Weder Nationalökonomen, Beratungsunternehmen noch Politiker lenken die Aufmerksamkeit auf neue Geschäftsfelder. Wenn Opel Verkehrssysteme entwickeln würde, die die Herausforderungen der Gegenwart aufgreifen, d.h. die Zahl der Staus auf den Autobahnen halbieren und mehr Güter auf die Schiene bringen würden, müssten vielleicht 5.000 neue Mitarbeiter eingestellt und nicht 10.000 entlassen werden. Dass Opel Mitarbeiter braucht, die einen neuen Motor entwickeln, der auch noch fährt, wenn die Erdölquellen erschöpft sind, davon ist nichts zu hören.

Das am Quartalsgewinn orientierte Wirtschaftssystem baut mehr Arbeitsplätze ab als dass es neue schafft. Weiter auf die Selbstheilungskräfte des Marktes zu vertrauen, gleicht Gesundbeterei. Die jetzige Marktordnung ist Ursache für die ständige Zunahme der Arbeitslosigkeit.

Zudem braucht die von der industriellen Produktion dominierte Marktwirtschaft immer höhere Investitionssummen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen, die auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig sind. Auch eine striktere Regulierung der Finanzströme wie ein Abbau der Schutzregeln für Arbeitnehmer lösen das Problem nicht. Keine der Parteien, die außer leeren Versprechungen auch konkrete Maßnahmen für den Abbau der Arbeitslosigkeit vorschlägt, hat ein Rezept, das auch tatsächlich wirkt.

Mehr Arbeitsplätze durch andere Unternehmensbewertungen

1.  Solange Investitionen in Maschinen den Wert eines Unternehmens steigern, Investitionen in die Qualifikation der Mitarbeiter sich aber in der Bilanz nicht niederschlagen, so lange wird es beim Abbau von Arbeitsplätzen bleiben.

2. Die Wissensbilanz eines Unternehmens sollte notwendig zur Bilanz gehören. Diese beinhaltet Patente, Neuentwicklungen, strategische Maßnahmen, die erst in mehreren Jahren wirksam werden.

3. Jede Bilanz, die über den Zukunftswert eines Unternehmens etwas aussagt, muss ein Qualifikationsprofil der Mitarbeiterschaft beinhalten.

4. Unternehmen, die wie die Autoindustrie und die Mehrzahl der Pharmaunternehmen sich im Niedergang befinden, können von Ratingagenturen nur noch eine positive Bewertung erhalten, wenn sie sich neue Geschäftsfelder erschließen.

Übergang in die Wissensgesellschaft

Bereits 1976 wurden die sog. KtK-Kommission vom damaligen Forschungs­minister Ehmke eingesetzt und die Studien in Auftrag gegeben, die die Konturen einer neuen Wirtschaftsordnung umschrieben, dass nämlich nicht mehr die Verarbeitung von Stahl die Grundlage der Beschäftigung darstellt, sondern die Verarbeitung von Wissen. Wissen ist der neue Rohstoff. Damals war die Technologie des Internets noch nicht abschätzbar. Die Enquete­kommission des Bundestages zur Informationsgesellschaft hat in ihrem Bericht 1998 alle notwendigen Daten zusammengestellt.

Nicht Kapital- sondern Bildungsbedarf

Seit 25 Jahren vollzieht sich ein dramatischer Wandel innerhalb der Wirtschaft. Immer mehr Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich werden abgebaut. Millionen von Arbeitnehmern wurden gerade in diesem Segment entlassen und ihre Arbeitsplätze ins Ausland verlagert, wo Arbeitnehmer für weniger als ein Zehntel die Arbeit verrichten. Dieser Trend wird sich noch verschärfen. In einem Hochlohnland wie Deutschland wird die Qualifikation der Arbeitnehmer über Wohl und Wehe der zukünftigen Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft entscheiden. Daher muss die Aus- und Weiterbildung so angelegt werden, dass wir den Weg in die Wissensgesellschaft bewältigen können.

Wissensgesellschaft heißt zuerst, einen Bildungsmarkt aufzubauen. Nicht mehr die Herstellung gleicher Produkte, wie in der Autoindustrie oder im Softwarebereich von Microsoft verfolgt, sondern individuelle Problemlösungen werden die Arbeitsorganisation der Wissensgesellschaft kennzeichnen. Dafür müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Die Wissensgesellschaft wird nicht mehr einen hohen Kapitalbedarf haben. Nicht finanzielle Investitionen und auch nicht staatliche Subventionen werden Arbeitsplätze in der Wissensgesellschaft hervorbringen, sondern die Freisetzung von Bildungsenergien.

Rahmenbedingungen für mehr selbständige Tätigkeiten

Die Wissensgesellschaft wird dann Arbeitsplätze hervorbringen, wenn sie sich am Modell der Selbständigkeit orientiert, das Rechtsanwälte und Beratungsunternehmen bereits praktizieren. Für einen Arbeitsmarkt von viel mehr Selbständigen bedarf es neuer Rahmenbedingungen und ein Weiterknüpfen des sozialen Netzes. Der Übergang in die Selbstständigkeit sollte gefördert werden und deutlich mehr beinhalten als die heute übliche Unterstützung bei der Erstellung des ersten Businessplans. Eine Überarbeitung des Steuer- und Sozialversicherungsrechts ist dringend geboten, um kleinere oder gar Einpersonenunternehmen von zuviel Bürokratie zu befreien und eine bezahlbare soziale Absicherung zu ermöglichen.

Eckhard Bieger S.J. | kath.de-Redaktion
Stefan Drägert
| PTL-Fortitude