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Logik im schwarzen Loch (15.09.2010)

Zu Stephen Hawkins Erklärung des Universums

 

Der russische Kosmonaut Juri Gagarin, erster Mensch im Weltraum, bemerkte nach seiner Rückkehr: “Ich habe gesucht und gesucht, aber Gott war nicht zu finden”. Offensichtlich vermutete er Gott am falschen Platz; glaubte er wirklich, Gott würde neben ihm im Orbit um die Erde kreisen? Die Unsinnigkeit von Gagarins These wird selbst dem schlichtesten Gemüt sofort klar. Sie war wohl ein Kopfnicken gegenüber der atheistischen Staatsdoktrin.

In seinem neuen Buch “Der große Entwurf” legt der Physiker Stephen Hawking ein Argument gegen die Existenz Gottes vor, das viele Menschen beeindruckt. Mit der Autorität der Naturwissenschaft ausgestattet, widmeten ihm sogar die Abendnachrichten des deutschen Fernsehens volle Aufmerksamkeit. Das Problem ist: Hawkings Argument ist nicht viel besser als das von Gagarin, man merkt es nur nicht so leicht.

Schwarzes Loch im Universum und in der Argumentation
“Wegen des Gravitationsgesetzes kann und wird sich das Universum selbst aus dem Nichts erschaffen”. Das ist der zentrale Satz des Beweises von Hawking. Gott, dieses Relikt eines vorwissenschaftlichen Zeitalters, hat als Erklärung ein für allemal ausgedient. Aber so wie Gagarin aus seinem kleinen Fenster bloß in die Schwärze des Kosmos geschaut hat, so lässt dieser Gedanke Hawkings uns nur in ein “schwarzes Loch” der Logik schauen. Wie kann etwas sich selbst aus nichts erschaffen? Um wirken zu können, muss dieses “etwas” offensichtlich existieren, denn etwas, was nicht existiert, kann auch nichts bewirken. Andererseits soll dieses “etwas” ja gerade nicht existieren, sondern aus nichts hervorgehen, also von der Nichtexistenz zur Existenz befördert werden. Hawkings behauptet also, dass das Universum gleichzeitig und unter derselben Rücksicht existiert und nicht existiert. Das ist ein glatter logischer Widerspruch. Anders als bei Gagarins schlichtem Gedanken muss man ein wenig nachdenken, bis man die kognitive Katastrophe entdeckt, die sich hier ereignet hat. Aus einem Widerspruch folgt in der Logik bekanntlich alles. Aus seiner widersprüchlichen These kann Hawking folgern, dass Gott nicht existiert, er kann aber auch das Gegenteil daraus folgern, dass Gott existiert. Er kann sogar daraus folgern, dass Angela Merkel eine Primzahl ist. Aus einem Widerspruch folgt eben alles - und daher letztlich nichts.

“Nun aber mal langsam!”, wird Hawking jetzt vermutlich einwerfen: “Mein Nichts ist ja nicht leer, es existiert etwas darin. In meinem Nichts gilt das Gesetz der Gravitation, es hat Dimensionen und Orientierung, gewisse zufällige Prozesse ähnlich der Quantenfluktuationen gibt es auch darin, damit überhaupt ein physisches Objekt spontan daraus entstehen kann.” Und damit wird die Berechtigung des Vergleichs zwischen Gagarin und Hawking nun ganz offensichtlich. Der eine konnte Gott nicht im Orbit um die Erde entdecken, der andere findet ihn nicht in jenem frühen, uns nur sehr spekulativ bekannten physischen Zustand, aus dem der Urknall hervorgegangen sein soll. Aber: In beiden physikalischen Systemen wird man Gott nicht finden. Ihn an diesen Orten zu suchen, ist gleichermaßen unsinnig, obwohl im letzteren Fall raffinierter unsinnig. Denn Gott ist kein Lückenbüßer für unerklärliche Ereignisse in physikalischen Prozessen. Nach klassischem Verständnis ist er die erste Ursache dafür, dass es überhaupt Veränderliches gibt. Das gilt sogar dann noch, schrieb schon der große Thomas von Aquin, wenn man annimmt, das Universum bestünde ewig und hätte keinen Anfang.

Ein schlagfertiger Kritiker antwortete auf Gagarins ideologische Provokation: “Wenn Du Gott auf der Erde nicht finden kannst, wirst Du ihn im Universum auch nicht entdecken.” Dem ist nichts hinzu zufügen.

 

von Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ

Quelle: Kommentar vom 14.9.2010 in „Die Tagespost“, Nr. 109