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144 Professoren – für welche Reform? (08.02.2011)

Wo die theologischen Fakultäten stehen

Ein Aufbruch wird in dem Memorandum von Theologieprofessoren für notwendig erachtet. Wer sich durch das Papier durchgearbeitet hat, fragt sich, wie sich die Verfasser eigentlich eine erfolgreiche Reform vorstellen. Überraschend ist das sprachliche Unvermögen. Es trägt dazu bei, dass man keine klare Linie in dem Papier entdecken kann. Es muss sich aber eigentlich um die Professoren handeln, die die Theologen und Theologinnen ausbilden, die das Blatt wenden könnten. Zudem sind die theologischen Ausbildungsgänge entsprechend den in Bologna formulierten Grundsätzen überarbeitet worden. Der Neuanfang könnte sich doch auf die gesamte Kirche in Deutschland auswirken. Liest man das Memorandum noch einmal, die verklausulierte Sprache erfordert eine erhöhte Konzentration, entdeckt man nichts für theologische Fakultäten Spezifisches. Zwar werden die Missbrauchsfälle erwähnt, aber kein Forschungsprojekt und keine Initiative, diesem Problem in der Gesellschaft zu begegnen, denn neben den schuldig gewordenen Priestern gibt es doch noch andere, die sich an Kindern vergreifen. Aus dem schmerzlichen Lernprozess der Kirche im letzten Jahr müssten doch für die ganze Gesellschaft wichtige Projekte zu entwickeln sein. Aber es geht um die Einführung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit in das kirchliche Rechtssystem. Es wird das Nebeneinander von ehelos lebenden und verheirateten Priestern gefordert. Die Strukturen sollen erneuert werden. Braucht die Theologie andere Strukturen, um endlich die katholische Kirche in Deutschland voran zu bringen?

Theologie scheint nichts zu bewirken

Vergleicht man den theologischen Elan, den das Konzil in Deutschland ausgelöst hat, dann wirken die jetzige Generation und die vielen Emeritierten, die unterschrieben haben, wie Vögel, die ihre Flügel nicht zum Fliegen nutzen, sondern sie hängen lassen. Sie schauen gebannt auf die kirchlichen Verwaltungen, in denen sich etwas ändern muss. Aber gehört Theologie nicht zu den Kraftquellen des religiösen Lebens? Sollte in der katholischen Kirche in Deutschland nicht mehr Theologie betrieben werden, sollten die vielen Bildungseinrichtungen nicht von einem neuen theologischen Wind durchweht werden und sollte Theologie die Menschen nicht neu zur Begegnung mit Gott führen, durch Inspirationen zu einer lebendigen Liturgie, zu einer Vielfalt von Gebetsformen, zu sozialem Engagement, das die Kraft hat, nicht nur Reförmchen in der Kirche auf den Weg zu bringen, sondern die Gesellschaft mit zu gestalten. Wer die sechziger und siebziger Jahre als Student erlebt hat, kann das Memorandum nur als Abdankung der theologischen Fakultäten verstehen.

Die theologischen Fakultäten, nur noch externe Beratungsunternehmen der Kirche?

Theologie treiben ist ein wesentlicher Vollzug der Kirche. Paulus hat damit angefangen. Er hat an die rabbinische Denktradition angeknüpft. Später haben sich Theologen mit der griechischen Philosophie auseinandergesetzt und in jeder Generation neu mit den Denkansätzen ihrer Zeit. Viele Theologen sind sogar heiliggesprochen worden, der Status eines Kirchenlehrers ist eingeführt. So wichtig ist der Kirche die Theologie. Bei der Lektüre des Memorandums spürt man nichts von diesem theologischen Anspruch und der Kompetenz von Theologie für eine Reform.

Die Rolle, die die Professoren einnehmen, ist mit der von McKinsey und anderer Beratungsunternehmen vergleichbar. Tatsächlich hat fast jedes Bistum ein Beratungsunternehmen im Zusammenhang mit der Umstrukturierung der Seelsorge engagiert. Die Berater und Beraterinnen schauen sich das Unternehmen an, machen mit geübtem Blick die Schwachstellen aus und entwickeln Vorschläge, um dann wieder zu gehen.

Würde ein Beratungsunternehmen aber der katholischen Kirche diese Vorschläge gemacht haben, welche Kompetenz würde man ihm zumuten? Und bleiben nicht die Fakultäten Teil der Kirche und müssten sich beraten lassen, wie sie ihren Beitrag zu einem neuen Aufbruch der Kirche leisten können?

Zwar sind die Beratungsunternehmen auch nicht so viel besser als ihre Kunden und laufen den jeweiligen Modetrends hinterher. Eine Zeitlang war das von ihnen angepriesene Heilmittel, möglichst viele Konkurrenten aufzukaufen. Danach war es Abbau der Belegschaft. McKinsey hat sich damit einen Namen gemacht. Aber jetzt rät man Besinnung auf die Kernkompetenzen. Und das wäre doch Theologie, Gebet, soziales Engagement. Warum sehen die 144 Professoren nicht in diesem Rat, der jeden Tag irgendwo in der Zeitung steht, das Heilmittel für ihre Kirche?

Die Reformen, die stattdessen eingefordert werden, klingen in etwa so. Vergleicht man die Kirche mit einem Sportverband, z.B. den früher einmal erfolgreichen deutschen Ruderern, dann liefen die Reformvorschläge der Professoren etwa auf Folgendes hinaus:

Wenn die Rudermannschaften nicht mehr so viele Medaillen nach Hause bringen, dann stelle man ihnen im Trainingslager ein Fernsehgerät auf das Zimmer und biete ihnen für ihren Laptop eine Internet-Flatrate an. Aber wäre nicht „Mehr Rudern“ die beste Empfehlung, um wieder in Wettkämpfen erfolgreicher zu sein? Deshalb „Mehr Theologie“ und weniger Herumbasteln an den Strukturen.

Eckhard Bieger

kath.de-Redaktion