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Hintergrundkommentar: Braucht die EKD eine schwache katholische Kirche? (16.10.2009)

Die Hagelkörner eines Gewitters


Am Donnerstag hat es ein reinigendes Gewitter zwischen EKD und Bischofskonferenz gegeben. Anlass war Anfang der Woche veröffentlichte Sitzungsvorlage, die vom Oberkirchenrat Thies Gundlach, dem in der EKD zuständigen Referent für Ökumene unterschrieben ist. Sie lag bereits einer Sitzung evangelischer Kirchenleitungen am 2. Juli vor. Der Deutschen Bischofskonferenz war das Papier länger bekannt, es wurde erst durch die kürzliche Veröffentlichung zum offiziellen Streitpunkt, der zur Absage eines Routinegesprächs zwischen evangelischen und katholischen Kirchenleitungen führte.

Denn Aussagen über den Papst und den neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz erreichen in dem Papier fast den Charakter der Beleidigung, wenn sie in die Öffentlichkeit gelangen.

Es ergeben sich einige Fragen:

  1. Wer hat das Papier in die Sitzung am 2. Juli eingebracht?
  2. Was sagt das Papier über den tatsächlichen Zustand der Ökumene aus?
  3. Was haben diejenige bezweckt, die das Papier den Medien zugespielt haben?

Zu 1.
Der Vorsitzende der EKD hat das Papier den Kirchenleitungen vorgelegt. Es bleibt in der Handhabung des Falls durch die evangelische Kirche im Dunkeln, wer aus einer Ausarbeitung eines Referenten eine Vorlage für ein hochrangiges Gremium gemacht hat. Gewöhnlich ist es der Vorsitzende. Er trägt die Verantwortung. Es hat dann auch lange gedauert, bis der Vorsitzende der EKD, Bischof Huber, sich von dem Ton des Papiers distanziert hat, jedoch nicht vom Inhalt. Er stellte fest, dass Vieles in dem Papier richtig dargestellt sei. Man erfährt also aus dem Papier, wie der Vorsitzende der EKD über die Ökumene denkt. Jetzt erst hat er sich entschuldigt und zeigt Erleichterung, dass Erzbischof Zollitsch die Entschuldigung angenommen hat.

Zu 2:
Der Zustand er Ökumene aus evangelischer Sicht

Der Anlass des Papiers ist der Ökumenische Kirchentag 2010 in München. Das Papier stellt im Einzelnen dar, warum die katholische Kirche innerlich geschwächt auf dieses ökumenische Ereignis zugeht:

  • Viele Fehler des Papstes: die Rede in Regensburg, die Aufwertung der tridentinischen Form der Messfeier, die Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der Piusbruderschaft.
  • Vom neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz gehe keine „orientierende und prägende Kraft aus“.
  • Die katholische Kirche in Deutschland fürchte den Erfolg der Lutherdekade.

Das Papier liest sich wie die Analyse eines Parteisekretärs vor einem Wahlkampf. Theologische oder spirituelle Reflexionen findet man nicht, als wäre der Autor Soziologe.

Offensichtlich sieht die EKD den gemeinsamen Kirchentag als Wettkampf um die höhere Zustimmung. Welche der Kirchen wird aus dem Kirchentag als Sieger hervorgehen. Aus der Sicht der EKD wird es nicht die katholische Kirche sein, denn in dem Papier ist als Resümee zu lesen: „Wie ein angeschlagener Boxer wird die katholische Kirche schwanken zwischen öffnenden Gesten und ruppiger Abgrenzung.“

Wie einen schwankenden Boxer hatten die Protestanten die katholische Kirche im 16. Jahrhundert tatsächlich erlebt. Noch heute scheint sie das Traumbild eines „Boxers“ zu verfolgen.

Ökumene ist für die evangelische Kirche eine Darstellung vor der Öffentlichkeit geblieben. Wer bekommt den meisten Applaus, scheint die Frage zu sein, die nach der Analyse des Papiers bereits für die evangelische Kirche entschieden ist, passt sie sich doch den Entwicklungen sehr viel flexibler an, so in der Position, die Embryonenforschung frei zu geben.

Da das Papier es bis zur Vorlage für eine Sitzung der Kirchenleitungen geschafft hat, kann man den Zustand der Ökumene gut herauslesen: Es ist ein Schaulaufen vor der deutschen Öffentlichkeit, ohne jede theologische Reflexion. Warum die EKD sich theologisch so bloßgestellt hat, ist für alle unverständlich, die die Reflexionskraft evangelischer Theologen und Theologinnen kennen.

Reibungspunkt bleibt die Aussage vatikanischer Papiere, die Kirchen der Reformation seien „nicht Kirchen im eigentlichen Sinne“. Man könne nun erwarten, dass sich die evangelische Seite mit dieser Aussage anders auseinandersetzt als den Beleidigten zu spielen. Die vatikanischen Papiere sind keine theologischen Meisterleistungen. Man könnte da sicher einiges entgegensetzen. Trotzdem findet sich z.B. in dem umfänglichen Papier „Kirche der Freiheit“ kein Bezug theologische Grundlegung des Kirche-Seins, obwohl gerade Evangelische Theologen in der Bibel dazu einiges finden würden. Das würde auch die katholische Kirche dazu bringen, 40 Jahre nach dem letzten Konzil neu über Kirche als theologische Größe nachzudenken. Beide Seiten haben denn auch vereinbart, auf der Ebene der Kirchenleitungen theologische Fragen zu thematisieren.

Zu 3:
Die Absicht derjenigen, die das Papier den Medien zugespielt haben.

Obwohl die katholische Seite das Papier schon länger kennt, hat sie es wohl nicht publik gemacht. Dem Bericht der FAZ ist zu entnehmen, dass es Kreise der evangelischen Kirche waren, die es in die Öffentlichkeit gebracht haben. Diese wollen offensichtlich einen Kurswechsel der von Huber eingeleiteten Profilierung gegenüber der katholischen Kirche, die faktisch zu einer Abkühlung der Ökumene und einer größeren Distanz geführt hat. Dass es eine ökumenische Eiszeit gibt, wissen alle die, die auf Bundesebene mit evangelischen Kollegen und Kolleginnen Verhandlungen bei Regierungsstellen, Rundfunkanstalten u.a. führen.

Haben diejenigen, die auf diese Weise Einfluss auf die Wahl des Nachfolgers von Bischof Huber als Vorsitzender der EKD nehmen wollten, ihrer Kirche einen Dienst getan? Die Antwort kann nur Nein sein.

Haben die katholischen Bischöfe klug gehandelt, als sie das Routinegespräch mit der EKD absagten und zuerst eine Klärung zu den Aussagen des Papiers verlangten? Auch hier muss die Antwort zuerst Nein sein, denn es handelt sich um ein inner-evangelisches Problem.

Am Ende scheint das Ganze vielleicht doch für die Ökumene gut gewesen zu sein, denn das Gewitter wird von beiden Seiten als reinigend bezeichnet.


Eckhard Bieger S.J
kath.de - Redaktion

 

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