Unabhängiges katholisches Nachrichtenportal

Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz (11.01.2013)

Wie man aus vielen kleinen Fehlern einen Skandal inszeniert

Es geht um die Durchsicht aller Personalakten von Priestern, männlichen Ordensmitgliedern und Diakonen. Mit großer Medienresonanz wurde seitens der Bischofskonferenz ein Forschungsprojekt gecancelt. Dem Auftragnehmer, Professor Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KFN) wird mangelnde Vertrauenswürdigkeit öffentlich attestiert. Dieser weiß sich zu wehren und unterstellt der Bischofskonferenz Zensurabsichten. Welches Bild sollen sich die Öffentlichkeit, die Mitglieder der Kirche wie auch diejenigen machen, deren Personalakten zur Verfügung gestellt wurden? Im Folgenden wird vor allem die Einschätzung des Kriminologen der Ruhr-Universität Bochum, Professor Dr. Thomas Feltes, wiedergegeben.

 

Das Untersuchungskonzept ist nicht durchführbar
Es sollten nicht nur alle Personalakten durchgesehen werden, sondern im Anschluss daran Opfer wie Täter befragt werden. Daraus ergeben sich drei Probleme:

  1. Personalakten sind, wie Akten generell, nicht die Wirklichkeit. Sie beinhalten das, was man in ihnen abgeheftet hat. So können z.B. falsche Anschuldigungen Eingang gefunden haben. Vor allem aber lässt sich der Aussagegehalt nicht mehr überprüfen.
  2. Wenn aus den Akten Personen erkenntlich werden, die mit Missbrauch in Zusammenhang gebracht werden können, sollen diese befragt werden, um aus den Interviews Täterprofile zu gewinnen. Da die Täter jedoch nicht zu einem Interview gezwungen werden können, ist das Unterfangen unrealistisch. Denn der potentielle Täter müsste mit einer Strafverfolgung rechnen, trotz Datenschutz.
  3. Forschungsethisch kaum zu rechtfertigen ist die Absicht, Opfer nach so langer Zeit zu befragen. Es kann sie in eine Krise stürzen, wenn sie mit ihren Verletzungen neu konfrontiert werden. Zudem gibt es gerade bei den Opfern auch ein Recht auf Vergessen, also nicht wieder an etwas erinnert zu werden, was man mit Mühe verdrängt hat. Aus der Opferforschung weiß man, welche negativen Folgen solche Befragungen auslösen können. Das KFN hat sich damit offensichtlich nicht auseinandergesetzt. Nur diejenigen, die sich bei einer Beratungsstelle gemeldet haben, dürfen überhaupt angefragt werden, ob sie zu einem Interview zur Verfügung stehen.

Bei diesen Problemen ist zu fragen, warum sich die Auftraggeber nicht näher mit der Machbarkeit einer solchen Untersuchung beschäftigt haben. Wenn man nicht nur Akten durchforstet, sondern Täter wie Opfer für die Aufklärung gewinnen will, dann geht es immer um eine Beziehungsaufnahme. Man muss die Betroffenen gewinnen. Aber neben den massiven, von Professor Feltes benannten drei Problemen muss man doch abschätzen können, wie der Anruf eines Institutes bei einem Täter wirkt, der erfährt, dass das Institut vorher die eigene Personalakte durchforstet hat und der Interviewer möglicherweise die Inhalte kennt. Da denkt der Betroffene doch eher in Richtung Staatsanwaltschaft als an eine Chance, eigenes Fehlverhalten aufzuarbeiten. Oder er wird wieder mit einer Denunziation konfrontiert, die bereits Jahre zurückliegt. Es zeigt sich hier wieder das eigentliche Problem: Die Personalverantwortlichen wie die Bischöfe scheinen sich immer noch nicht in das komplexe Geflecht eingearbeitet zu haben, das zu sexuellen Übergriffen führt. Es fehlt bei denen, die den Auftrag verhandelt haben, einfach die Kenntnis des Problemfeldes und die Abschätzung, was mit welchen sozialwissenschaftlichen Methoden überhaupt erkannt werden kann. Wer sich nicht richtig kundig gemacht hat, kann dann auch der Öffentlichkeit seine Position wenig überzeugend erklären. Das erleben wir gerade wieder.

 

Prof. Pfeiffer und das mangelnde Vertrauen
Der Auftragnehmer ist kein Neuling und mit anderen Forschungsprojekten und angeblich spektakulären Ergebnissen gerne in die Öffentlichkeit getreten. So hat er u.a. behauptet, in Dortmund sei die Kriminalitätsrate unter Jugendlichen deshalb höher als in München, weil der Fernsehkonsum in Dortmund höher sei. Es ist aber längst bekannt, dass Fernsehen nicht Ursache, sondern Folge von sozialer Benachteiligung ist, sodass die Eltern den Jugendlichen weniger Freizeitaktivitäten finanzieren können und sich insgesamt auch weniger um ihre Kinder kümmern. Man nennt das in den Sozialwissenschaften die abhängige Variable.
Ein andermal hat er die Krippenerziehung in der ehemaligen DDR als Ursache für mehr (Gewalt-)Delikte von Jugendlichen in Gruppen ausgemacht. Er vertrat u.a. in Talkshows die Auffassung, dass Kinder in der ehem. DDR im Kindergarten zusammen und in der Reihe auf das Töpfchen gesetzt wurden und damit eine kindliche Ich-Schwächung einhergehen müsse, die sich später in gesteigerten Gruppendynamiken auswirkt und mithin die festgestellten Gruppendelikte erklären würden.


Ähnlich konnte die Bischofskonferenz damit rechnen, dass Prof. Pfeiffer irgendein Ergebnis der Untersuchungen herausgreift, das den Zusammenhang der Faktoren nicht annähernd wiedergeben würde, um damit eine große Medienresonanz zu erzielen. Offensichtlich ist das jetzt erkannt worden. Dass Prof. Pfeiffer sich die Veröffentlichung vorbehalten wollte, hat er nicht nur ausdrücklich erklärt, er muss nach Aussage eines Mitglieds des Beirates gesagt haben, „das entscheide der Markt“, was aus der Studie herausgestellt werden solle.

 

Zu den Vorwürfen von Prof. Pfeiffer

Neben dem Vorwurf der Zensur unterstellt Pfeiffer auch, es seien angeblich Akten vernichtet worden. Dabei hätte Pfeiffer bei gründlicher Vorbereitung seiner Studie erkennen können und müssen, dass das Kirchenrecht die Vernichtung bestimmter Akten nach 10 Jahren vorschreibt, er also gar nicht, wie geplant, bis 1945 zurückgehen konnte. Jetzt so zu tun, als hätte die Kirche diese Vernichtung neu erfunden, entbehrt der Grundlage. Zugleich stellt er den Münchner Generalvikar als Verhinderer der Studie hin, obwohl die Erzdiözese eine Rechtsanwaltskanzlei mit genau der Durchsicht der Personaldaten beauftragt hatte. Eine Rechtsanwältin der Kanzlei erklärte, bei ihrem Bericht damals habe es nichts gegeben, was auch nur ansatzweise einer Zensur nahe gekommen sei.

 

Zwischenstand: Die Bischofskonferenz hat eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die methodisch nicht realisierbar ist und sogar gegen ethische Standards in der Forschung verstößt.
Sie hat weiter einen Professor mit seinem Institut beauftragt, der durch undifferenzierte Darstellung von Forschungsergebnissen bereits bekannt war.

Es bleibt noch die Frage:



Wie macht man daraus ein Medienereignis?
Warum muss die Bischofskonferenz öffentlich erklären, sie betraue ein Institut nicht weiter mit einem Auftrag? So etwas kommt vor und muss vom Auftraggeber nicht erklärt werden. Ohne diesen Medienaufwand hätte sich auch ein anderes Institut gefunden, das zuverlässige Ergebnisse beigesteuert hätte.

 

Dass einem Forscher jedoch öffentlich das Misstrauen ausgesprochen werden muss, ist einmalig. Es scheint der offensiven Medienstrategie der Bischofskonferenz zu entsprechen. Dass der öffentlich Angegriffene zu Gegenmitteln greift, war zu erwarten. Ihn dann mit einer Prozessdrohung zu einer Unterlassungserklärung zu zwingen, ist die sicherste Methode, das Thema bis zum Ende des Prozesses in den Medien zu halten. Hätten die Beteiligten in der Bibel nachgelesen, wären sie auf die Empfehlung Jesu gestoßen, sich besser auf dem Weg zum Richter zu verständigen. Der Richter ist in diesem Fall nicht das Gericht, sondern die Öffentlichkeit.

Es gibt bereits ergebnisreiche Studien
Der Clou der Medienstrategie besteht aber noch darin, dass am 7.12. eine Studie des Duisburger Psychiatrieprofessors Leygraf vorgestellt worden war. Dieser hat, methodisch sehr viel ergiebiger, 78 Gutachten über Priester ausgewertet, denen sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde. Mit erstaunten Augen liest man in einem Interview, das die Deutsche Welle gemacht hat:
„… ich habe in den letzten Jahren selbst schon viele Gutachten über Priester angefertigt. Ich möchte die Übergriffe nicht verharmlosen. Doch im Vergleich zu dem, was man sonst im Bereich von sexuellen Missbrauchshandlungen z. B. an Kindern findet, waren es vergleichsweise geringfügige Delikte. Wenn diese Delikte strafrechtlich relevant waren, dann waren es sogenannte Fälle des einfachen sexuellen Missbrauchs. Schwerer sexueller Missbrauch an Kindern, also Handlungen, die mit dem Einführen des Genitals in den Körper des anderen einhergingen, lagen nicht vor.“

 

Es lohnt sich, dieses Interview nachzulesen.

 

Die Studie ist nur wenigen bekannt gemacht worden. Es gibt neben Leygraf noch andere Fachleute, die sich, anders als Prof. Pfeiffer, seit Jahren mit der Thematik beschäftigen und das schwierige Geflecht, das zu Missbrauch führt, durchsichtiger gemacht haben.



Was sind die Schlussfolgerungen?

Die katholische Kirche als großes Personalunternehmen muss sich selbst die Kompetenz für den Umgang mit Missbrauch aneignen. Sie muss sich mit der Fachwelt vernetzen.

 

Anstatt eine Person medienwirksam in den Vordergrund zu schieben, die sozusagen den großen Bericht über die Thematik liefert, sollten in einem Symposion die Fachleute zusammengeführt werden. Nicht die Pressekonferenz, sondern das Symposion ist die Vermittlungsform, einen so komplexen Sachverhalt darzustellen und vor allem für die Prävention die Konsequenzen zu ziehen. Das Bundeskriminalamt hat dies mit der Aufarbeitung seiner Nazi-Vergangenheit vorgemacht.

 

Und die Inszenierungen von Skandalen
Nachdem man schon bei der Missbrauchsdebatte den Skandalmotor immer wieder zum Laufen gebracht hat, wird man mit weiteren Inszenierungen wie der jetzt noch Laufenden rechnen können. Noch eine Weile wird es in den Medien Aufregung geben, denn irgendwann hat die katholische Kirche sich so positioniert, wie es dem SPD-Bundeskanzlerkandidaten gelungen ist. Nicht die Honorare, aber das Missbrauchsthema wird ihr für die nächsten 10 Jahre anhaften und auf andere Aussagen gibt niemand mehr etwas.

 

Eckhard Bieger S.J.
kath.de-Redaktion