Protestanten und Katholiken schaden dem Christentum (18.01.2008)
Der kath.de-Wochenkommentar
Im Streit soll sich die Wahrheit einer Sache herauskristallisieren. Nach diesem Modell tragen Katholiken und Protestanten immer noch ihre dogmatischen Meinungsverschiedenheiten aus.
Das ist ein altes Muster, das sich in den Namen der Konfessionen widerspiegelt: Bei der Bezeichnung „Protestanten“ liegt es auf der Hand, dass sie gegen die vom Papst repräsentierte Kirche „protestieren“. Die katholische Kirche erhebt für sich den Anspruch, die allumfassende und vor allem die „wahre“ zu sein. Zeigen die Evangelischen, dass sie die Position der katholischen Kirche für „undiskutabel“ halten, weil dem Glaubenden die Freiheit geraubt würde, bestimmt die katholische Kirche, dass die Evangelischen nicht das allumfassende Christentum, sondern eines mit Defiziten vertreten. Fast nie hört man, dass der eine die Vorzüge des anderen herausstellt.
Diese Fixierung auf das gegensätzliche diskreditiert die Religion seit Jahrhunderten – denn mit diesem Kommunikationsmuster werten beide Kirchen die Kernwerte des Christentums ab. Nicht nur weiß jeder, ob bekennender Christ oder nicht, dass Jesus eine solche Form der Auseinandersetzung unter seinen Anhängern auf keinen Fall wollte und der Kampf der Konfessionen untereinander dem Liebesgebot und dem Auftrag Jesu, Frieden zu stiften, diametral widerspricht.
Ein Vergleich mit Auto- oder Kosmetikfirmen zeigt, warum eine solche Form der Auseinandersetzung das Produkt „Auto“ oder „Gesichtscreme“ in der Öffentlichkeit beschädigen würde: Wenn der eine Konkurrent ständig herausstellt, dass die Motoren oder die Bremsen des konkurrierenden Herstellers voller Mängel sind, wecken sie Skepsis gegenüber dem Auto überhaupt. Von einem Produkt, das so viele Mängel hat, die sogar von den Herstellern selbst angeprangert werden, sollte man sich dann besser fernhalten. Wenn ein Gesichtscremeanbieter die Creme des anderen als schädlich für die Haut anprangert, weckt er Skepsis gegenüber Gesichtscremes überhaupt.
Wer die Religiosität der anderen Kirche diskreditiert, weckt Skepsis und damit Distanz gegenüber der Religion überhaupt. Erstaunlich für den Außenstehenden ist, dass beide Kirchen über eine zu große Distanz der Gesellschaft gegenüber den Kirchen klagen, die sie doch selbst ständig wieder herstellen.
Was muss sich ändern, um das Angebot „Christliche Lebensform“ durch Konkurrenz überzeugender darzustellen?
Die katholische Kirche sollte auf die Redeweise „richtig – falsch“ verzichten und stattdessen herausstellen, welche Werte sie in besonderer Weise ermöglicht. Die evangelische Kirche sollte aufhören, die katholische Kirche schlecht zu machen und sich ein Beispiel an den im harten Konkurrenzkampf stehenden Automarken nehmen.
Wie es Regeln für den fairen Wettbewerb gibt, so sollten auch die Kirchen einen Sprachkodex vereinbaren, wie sie ihr Angebot „Glauben“, „Beten“, „Kirche-Sein“ so darstellen, dass das Konkurrenzangebot nicht schlechtgemacht wird. Sie sollten dem Adressaten ihrer Werbung und Öffentlichkeitsarbeit ein sicheres Urteil zugestehen, das nicht dadurch beeinflusst wird, dass der eine den anderen schlechtredet.
Eckhard Bieger S.J.