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Weltfrieden ohne gemeinsames Gebet? (28.10.2011)

Zu starke Rücksichtnahme karikiert das Treffen in Assisi

 

Bei dem Treffen von Religionsvertretern zu Gespräch und Gebet für den Frieden gab es eine wichtige Änderung gegenüber dem ersten Treffen vor 25 Jahren, ebenfalls in Assisi. Es wurde nicht mehr an einem Ort für den Frieden gebetet, um dem Vorwurf des Synkretismus zu entgehen.

„Gibt es überhaupt ein gemeinsames Wesen der Religion, das sich in allen Religionen ausdrückt und daher für alle gültig ist?“ Diesen dem Anschein nach religionskritischen Einwand hat Papst Benedikt XVI. in seiner Rede beim Weltfriedenstreffen der Religionen in Assisi an diesem Donnerstag aufgegriffen.

 

Auch „dialogoffene Agnostiker“ eingeladen
Zu dem Treffen im Geburtsort des heiligen Franziskus waren „alle christlichen Brüder der verschiedenen Konfessionen, Vertreter der religiösen Traditionen der Welt und ideell alle Menschen guten Willens“, darunter fünf sogenannte „dialogoffene Agnostiker“, eingeladen. Gebete verschiedener Religionsvertreter in Anwesenheit anderer Teilnehmer haben bei dem Treffen jedoch nicht stattgefunden. Das war in den vorherigen „Weltgebetstreffen für den Frieden“, die in den Jahren 1986 und 2002 stattfanden, noch gängige Praxis. Angesichts dieser Tatsache muss gefragt werden, welches Ziel das diesjährige Weltfriedenstreffen hatte und mit welchen Mitteln man versucht hat, es zu erreichen.

 

„Nostra Aetate“
In diesem Jahr wurde am 27. Oktober der 25. Jahrestag des ersten „Weltgebetstreffens für den Frieden“ begangen, zu dem Papst Johannes Paul II. eingeladen hatte. Seinerzeit durften die anwesenden Vertreter jeder Religion in der Kathedrale Santa Maria degli Angeli, wo der heilige Franziskus verstarb, in ihrer eigenen Weise ein Gebet vortragen, während die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zuhörten. Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil verabschiedete Erklärung „Nostra Aetate“ hatte dafür den Boden bereitet. Dort hieß es nämlich: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen (den anderen, Anm. d. Red.) Religionen wahr und heilig ist.“

 

Synkretismus und Relativismus verhindern
Bei dem Treffen handelte es sich dieses Mal offiziell um einen „Tag der Reflexion, des Dialogs und des Gebetes für den Frieden und die Gerechtigkeit in der Welt“. Auf die Frage nach der Gefahr einer synkretistischen Interpretation des Treffens, also einer möglichen Vermischung der Religionen oder religiösen Anschauungen durch Gebete, die in Anwesenheit aller Teilnehmer stattfinden könnten, hatte Papst Benedikt dem evangelischen Missionar Peter Beyerhaus geantwortet, er werde „versuchen, die Richtung des Ganzen zu bestimmen, und alles tun, damit eine synkretistische oder relativistische Auslegung des Vorgangs unmöglich wird“.

 

Traditionalisten gegen das Treffen
Auch traditionalistische Gruppen hatten im Vorfeld versucht, den Papst von dem Treffen abzubringen. Durch seine Äußerung legt sich der Verdacht nahe, dass er sich hat einschüchtern lassen. Auf ihrer Website rühmt sich jedenfalls der deutsche Zweig der Piusbruderschaft, „Korrekturen des Assisi-Treffens“ erreicht zu haben. Wohl auch aus Scheu vor dem Konflikt mit traditionalistischen Gruppen hat man es nicht gewagt, über nette Worte und Förmlichkeiten hinauszukommen. Dazu kommt das hartnäckige Gerücht, schon vor 25 Jahren habe der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, seine Bedenken am Weltgebetstreffen angemeldet. Im Übrigen ist auch die Änderung des Namens der Veranstaltung von „Weltgebetstreffen“ zu „Weltfriedenstreffen“ bezeichnend. Jedoch kommen die Vorbehalte nicht allein aus der katholischen Kirche.

 

Frieden ist nicht Scheu vor Konflikten
Ein Ziel des Weltfriedenstreffens war, für Friede und Gerechtigkeit einzutreten. Es fällt schwer zu erkennen, was genau erreicht wurde, indem man ganz bewusst kein Gebet der verschiedenen Teilnehmer in Anwesenheit der anderen zugelassen hat. Paradoxerweise hat man um des lieben Friedens willen auf das gemeinsame Gebet für den Frieden verzichtet. So ist ein scheinbarer Friede entstanden, der in der Vermeidung des Konfliktes mit denen besteht, die für schärfere Grenzziehungen sind.  

 

Frieden als Gabe Gottes
Beten in Gegenwart des Anderen kann dazu dienen, sich an die von Gott gewollte Einheit aller Menschen zu erinnern, Gemeinsamkeiten im Glauben zu entdecken und einander in der jeweiligen Andersartigkeit besser zu verstehen. Wenn es tatsächlich ein gemeinsames Wesen der Religionen gibt, und wenn dieses Wesen der absolute Vorrang der Gewaltlosigkeit ist, wäre dies ein guter Grund für Friedensgebete in Anwesenheit anderer Religionen. Den einfachen Wunsch nach Frieden in der Welt zu äußern, ist für Religionsvertreter und vermutlich auch für Agnostiker keine wirklich nennenswerte Leistung. Von Religionsvertretern hätte man erwartet, dass sie Frieden nicht bloß als frommen Wunsch und das Resultat menschlicher Bemühungen, sondern als ein durch Gott gegebenes Geschenk verstehen, um das man auch in Anwesenheit anderer Religionsvertreter beten kann und soll. Diese Chance hat man in Assisi vertan.

 

Matthias Schmidt
kath.de-Redaktion

 

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