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Die Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise (26.01.2010)

Teil 1 Überblick

Die Ursachen der Finanzkrise sind schnell aufgezählt. Gierige Spekulanten trafen auf Banker, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren. Gemeinsam warfen sie alle Vorsichtsmaßnahmen über Bord und verspekulierten sich in einem überhitzten US Immobilienmarkt. Die Immobilienblase platzte, trieb zahllose Spekulanten in den Ruin und riss weltweit Banken mit in den Abgrund. Nur das besonnene Handeln der Politik verhinderte schlimmeres und ermöglichte es allen Beteiligten schnell wieder zur Tagesordnung überzugehen. So etwas hat es in der langen Geschichte der Marktwirtschaft immer wieder gegeben, siehe Japan oder die New Economy-Blase. Die Wirtschaft wird sich schnell wieder erholen, das System insgesamt funktioniert.

Diese zugegeben etwas vereinfachte Sichtweise ist immer wieder zu lesen und ist auf den ersten Blick durchaus schlüssig. Ist es doch beruhigend, diese Krise vor dem Hintergrund ähnlicher Situationen, die wir schließlich auch gemeistert haben, zu sehen. Doch wird sie weder der Brisanz noch den wirklichen Ursachen der Krise gerecht. Indem die Gründe nicht richtig benannt  werden, birgt dieser Ansatz ein großes Risiko und führt quasi automatisch in die nächste Krisensituation. Nur wenn es uns gelingt die richtigen Schlüsse zu ziehen, werden wir in der Lage sein, Fehlentwicklungen der Wirtschaft künftig zu vermeiden, dafür bedarf es allerdings einer umfangreichen Analyse.


Zuallererst ist es wichtig, den Betrachtungswinkel von der Sicht einer reinen Finanzkrise hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Analyse zu erweitern. Die Fokussierung auf Fehlentwicklungen innerhalb des Finanzsektors greifen zu kurz und sind ein Grund dafür, dass  richtungsweisende Konzepte zur Bewältigung der Krise bisher ausgeblieben sind. Alle Lösungsansätze sind systemimmanent und unterstellen lediglich eine globale Finanzkrise, die sich in letzter Konsequenz zu einer Krise der gesamten Wirtschaft auszuweiten drohte. Legt man diese Prämisse zugrunde, waren die eingeleiteten Schritte richtig, nämlich die konsequente Sozialisierung der Verluste systemrelevanter Banken - immerhin wurden weltweit mehr als fünf Billionen Euro zur Stützung dieser Banken ausgegeben. Gleiches gilt für den Versuch, das Bankensystem durch noch mehr Kontrollen und höhere Eigenkapitalquoten für riskante Finanzgeschäfte sicherer zu machen und das Vergütungssystem für Manager, insbesondere die variablen Anteile der Vergütung, so zu verändern, dass es nicht mehr an einen kurzfristigen Unternehmenserfolg ausgerichtet wird. Aber sind dies wirklich die bahnbrechenden Schritte zum Aufbruch in eine prosperierende Volkswirtschaft? Alle diese Ansätze gehen in die richtige Richtung, bleiben aber insgesamt wirkungslos, weil diese Krise weit über eine Finanz- oder Wirtschaftskrise hinausgeht. Wir befinden uns nicht in dieser Situation, weil es an adäquaten Vorschriften oder Verhaltensempfehlungen mangelte. Der deutsche Corporate Governance Kodex, immerhin seit 2002 in Kraft und gerade aktualisiert, wurde eingeführt, »...um so das Vertrauen in die Unternehmensführung deutscher Gesellschaften zu stärken.« Er enthält umfangreiche Vorschriften für Vorstand, Aufsichtsrat und Abschlussprüfer, regelt die Zusammenarbeit zwischen den Organen und verpflichtet sie zur Transparenz und Wahrung der Unternehmensinteressen. Es ist schlichtweg naiv anzunehmen, mit ein paar zusätzlichen Regelungen sei der Krise beizukommen. Wirtschaft und Politik haben schon bisher einen Rahmen für die Teilnahme am Wirtschaftsverkehr geschaffen, der solche Auswüchse, wie wir sie jüngst erleben mussten, verhindern könnte.


Nicht nur das Bankensystem oder die Wirtschaft stecken in einer Krise, sondern die Gesellschaft selbst. Es hat eine Hinwendung zum kurzfristigen Profit gegeben, wie sie bisher beispiellos in der Wirtschaftsgeschichte ist. Wir reden hier nicht über Spekulanten, die auf der Suche nach dem schnellen Profit Aktien kaufen, um sie nach kurzer Zeit mit einem ansehnlichen Gewinn wieder zu veräußern. Es geht nicht nur um diejenigen, die so sehr von steigenden Kursen überzeugt sind, dass sie sich hoch verschulden, um ein möglichst großes Rad zu drehen. Dies war ein wichtiger Grund für die Krise in den 30iger Jahren des letzen Jahrhunderts. Wir reden heute von den Erwartungen des Kapitalmarkts, der sich neben vielen institutionellen Anlegern, also Rentenfonds und Versicherungen, aus unzähligen Kleinanlegern zusammensetzt. Alle erwarten von den notierten Gesellschaften hohe Gewinne, zweistellige Wachstumsraten, am besten pro Quartal und am Ende des Jahres eine hohe Dividende. Anstelle einer langfristigen Perspektive zählt der schnelle Euro. Unternehmen, die dies nicht mitmachen, werden abgestraft, indem ihre Aktien abgestoßen werden. Dieser Druck hat dazu geführt, dass sie höhere Risiken eingegangen sind, um die geforderten Wachstumsraten zu liefern. Selbst die Deutsche Bank hat sich diesem Druck ergeben und als Unternehmensziel eine jährliche Eigenkapitalrendite von 25% ausgerufen.


Diese veränderte Erwartungshaltung und die Unfähigkeit der Entscheidungsträger sich dem entgegenzustellen haben der Krise den Weg geebnet und waren der Grund dafür, warum erfahrene Manager bereit waren unverhältnismäßige Risiken einzugehen.

Stefan Drägert
www.PTL-Fortitude.com

 


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